Inklusive Kirche – ja!
aber was bedeutet das eigentlich?
„Wie macht ihr das mit inklusiver Kirche konkret in Deutschland?“
fragte mich Jo auf Iona. Wir besuchten zusammen einen Workshop: Frauen und Spiritualität.
Ich stolperte mit meinem Englisch – Ja – inklusive Kirche – also: wir haben Rollstuhlzugänge zu den Kirchen, jeder, egal mit welcher Behinderung ist herzlich eingeladen –
Nein antwortete sie – ich meine, wie macht ihr das mit der inklusiven Kirche?
Äh – für die Hörgeschädigten gibt es manchmal Gebärdensprachendolmetscher – und für die, die schlecht sehen können auch Gesangbücher mit großer Schrift. Es gibt extra Gottesdienste und Aktionen für und mit Menschen mit Behinderung, um sie zu inkludieren.
Jo schaute mich fragend an – ich war mir nicht sicher, ob ich ihre Frage richtig erfasst hatte.
Ja, meinte Jo, aber behinderte Menschen sind doch nicht die Einzigen, die diskriminiert werden.
Jetzt war ich verwirrt:
Was bedeutet inklusive Kirche in Großbritannien?
Was bedeutet inklusive Kirche in Großbritannien?
Inklusive Kirche umfasst alle Gruppen Personen, die ausgegrenzt, ins Abseits geschoben, zu etwas Unwichtigem, Nebensächlichem gemacht wurden. Es heißt diese Menschen und Gruppen ausdrücklich willkommen, sie sind nicht nur geduldet, oder gelegentlich sichtbar, sondern werden bewusst angesprochen, kommen aus dem Schweigen, der Ausgrenzung heraus.
Das umfasst natürlich Menschen mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen, aber auch Menschen anderer Ethnie, Umfasst Themen wie Gender, Armut, Sexualität und auch Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. In inklusiven Kirchen werden Menschen willkommen geheißen – auch und gerade LGBTQIA+, Migrant*innen; weil alle Menschen Kinder Gottes sind.
Jesus war nicht weiß. Viele queere Menschen gehen in die Kirche und kommen im Gottesdienst und anderswo nicht als queere Menschen vor.
Eine Diskriminierung in der Kirche gegenüber LGBTQIA+ oder Migrant*innen oder gegenüber -People of Colour ist vorhanden und in Deutschland so subtil, dass sie noch nicht einmal benannt wird.
Und es bleibt nicht nur in der Willkommenskulutur stehen, sondern daraus folgert auch häufig ein soziales Engagement gegen Ungerechtigkeit und für soziale Gerechtigkeit.
Und auf einmal weitete sich meine Sicht; verbunden war damit eine Scham. Ich selber bin queer, mir ist aber, bevor ich diesen Austausch hatte, nicht bewusst gewesen, wie wenig Kirche – und auch ich! – Menschen willkommen heißt, wie wenig inklusiv ich selber bin. Selbst in Predigten erzähle ich nicht Beispiele von armen Menschen, von Menschen anderer Ethnien, anderer kultureller Zugehörigkeit, anderer Hautfarbe oder anderem Geschlecht oder geschlechtlicher Orientierung.
Als ich Jo fragte, warum sie sich so stark für eine queere, inklusive Kirche einsetzt, erzählte Jo, eine anglikanische Stimme aus UK, mir von ihrer eigenen Haltung und ihrem Weg.
„Ich hatte schon immer ein inklusives Herz, besonders für Menschen, die als marginalisiert wahrgenommen werden. Jesu Dienst war in erster Linie bei denen am Rand, bei den Menschen, die er genau dort abgeholt hat, wo sie standen. „Liebe den Herrn, deinen Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das sind die beiden wichtigsten Gebote, sagt Jesus – und er sagt nichts über Homosexualität. Jesu Botschaft gilt allen, und Gottes bedingungslose Liebe umfasst alle, unabhängig von ihrer Herkunft – und dazu gehört auch die Sexualität.
Ich habe mich immer stark für Themen eingesetzt, die mit Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu tun haben. 2003 habe ich Faversham dazu geführt, Fairtrade-Stadt zu werden – etwas, das mir sehr am Herzen liegt. Ebenso meine Arbeit mit wohnungslosen Menschen. Das sind Themen, die mich zutiefst bewegen.
Mit Open Table schaffen wir einen sicheren Raum für alle – unabhängig von Hintergrund, Sexualität, Geschlecht, Alter, Hautfarbe, Fähigkeit/Behinderung, Neurodiversität usw.
Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen von heterosexuellen und queeren Menschen gleichermaßen, sowohl aus der lokalen Gemeinschaft als auch darüber hinaus.“
„Darf ich einfach ich sein?“
In dieser Kirche – beide nicht:
Das queere Schaf darf nicht queer sein.
Jesus darf nicht jüdisch sein, nicht dunkelhäutig.
Ich sehne mich nach einem Raum, vielleicht sogar einer Kirche,
in dem jede*r ohne Masken und ohne Angst einfach da sein darf.
Jetzt haben wir beschrieben, worin die Unterschiede im Verständnis zwischen Deutschland und Großbritannien in Bezug auf inklusive Kirche liegen. In vielen englischsprachigen Ländern – wie den USA, Kanada, Neuseeland, Australien – gibt es ähnliche Vorstellungen von inklusiver Kirche wie in Großbritannien, die oft eng mit dem Wunsch nach gesellschaftlicher Gleichberechtigung verbunden sind.
Aber warum ist Inklusion für Christ*innen und Menschen mit spirituellem, christlichem Hintergrund überhaupt wichtig? Dazu schreibt Stephanie, eine presbyterianische Pastorin aus den USA:
Warum ist Inklusion wichtig?
„Wenn ich darüber nachdenke, wozu die Kirche in dieser Welt berufen ist – als Leib Christi, als Spiegelbild des Reiches Gottes – dann erscheint es mir wesentlich, dass sie die Vielfalt von Gottes Schöpfung in all ihren Bereichen widerspiegelt: in ihren Aktivitäten, ihrer Leitung und ihren Diensten.
Wenn wir Barrieren errichten, die auf menschlich definierten Kategorien beruhen – etwa Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und Geschlechterstereotype, Behinderung, sozialer Status, Bildung oder Intelligenz und mehr, dann stellen wir unser eigenes Wohlbefinden und unser eigenes Verständnis über das von Gott. Und das ist nicht unser Platz.
Ich erkenne an, dass wir noch nicht in der Vollendung von Gottes Reich leben, sondern in einer Welt, die auf diese Erfüllung hin unterwegs ist.
Mehrheitsdominierte Räume und Gemeinschaften (in meinem Kontext: weiß, heterosexuell, cisgeschlechtlich) waren – und sind – nicht immer sicher für Menschen mit weniger privilegierten Identitäten. Deshalb brauchen Menschen, die am Rande stehen, manchmal kulturspezifische Gruppen und Zusammenkünfte – geschützte Räume, die kulturell oder erfahrungsbezogen ausgerichtet sind.
In meinem Umfeld gibt es Zeiten, in denen Menschen aus Mehrheitsidentitäten zusammenkommen, um sich gegenseitig zur Rechenschaft zu ziehen und voneinander zu lernen, wie echte Inklusion gelingen kann. Und es gibt Zeiten, in denen Menschen aus Minderheitsidentitäten sich versammeln, um sich gegenseitig zu stärken und Heilung zu erfahren.“
Inklusive Kirche – genau dort ist das Reich Gottes spürbar.