Spiritualität sollte ein Bestandteil von Psychotherapie sein – nicht als Technik, sondern weil sie ein Teil des Lebens ist. Wer Heilung sucht, berührt oft auch Fragen nach Sinn, Halt und innerer Verbundenheit. Psychotherapie darf sich dieser Dimension des Menschseins nicht verschließen.
Dabei ist es nicht entscheidend, was Therapeut*innen persönlich glauben, sondern ob Patient*innen ihren individuellen Herzensweg finden dürfen. Spiritualität in der Therapie bedeutet nicht, eine Lehre zu vertreten, sondern einen Raum zu eröffnen, in dem die innere Suche geachtet und begleitet wird.
Therapeut*innen benötigen spirituelle Kompetenz – nicht um spirituell zu leiten, sondern um Ignoranz und Übergriffigkeit zu vermeiden. Sie sollten Tabus erkennen, Begrenzungen achten und wissen, wann ein weiterführender geistlicher Weg durch andere Begleiter*innen hilfreich sein könnte.
Manche Wege führen in die Tiefe der Seele – und manche brauchen eine Begleitung, die über das Psychotherapeutische hinausweist. Deshalb braucht es Zusammenarbeit, nicht Trennung, zwischen spiritueller Begleitung und therapeutischer Arbeit. Eine Verweisung an passende Ansprechpersonen (eine Übersicht findet sich unter Geistliche Begleitung) kann für beide Seiten bereichernd sein.
Denn Psychotherapie und Spiritualität gehören zusammen.
Psychotherapie mit spiritueller Kompetenz
Menschen kommen mit ihrer ganz eigenen Geschichte in Beratung und Therapie. Auch mit spirituellen Fragen, Erfahrungen, Verletzungen oder Sehnsüchten. Dafür braucht es Fachpersonen, die offen und professionell mit spirituellen Themen umgehen.
Hier steht nicht der Glaube der Therapeut*in im Mittelpunkt, sondern die Fragen und Grundsätze der ratsuchenden Person.
Das ist eine wesentliche Grundlage in Beratung und Psychotherapie: Nicht die eigenen Überzeugungen sind im Zentrum, sondern es geht um die Entwicklung und den Weg der hilfesuchenden Person.
Spirituelle Grenzüberschreitungen erkennen
Es ist nicht heilsam, wenn eigene spirituelle Überzeugungen als allgemeingültig vermittelt werden. Egal wie tief die eigenen Erkenntnisse der Theraupeut*in, wie wegweisend die eigene Erfahrung, wie gut die Fortbildung war, gleichgültig, welches Thema es betrifft: Ob über die Bedeutung sexueller Orientierung, Elternschaft, Glaube, Bildung oder Ernährung — solche persönlichen Erkenntnisse dürfen nicht zum Maßstab für das Gegenüber gemacht werden. Professionelle Haltung heißt: Raum geben, ohne vereinnahmen. Wenn dies nicht beachtet wird, kommt es schnell zu emotionalen oder gar spirituellem Missbrauch.
Wir schaffen Räume der Schulung und Begegnung
Als Pfarrerin und Therapeutin verbinden wir unsere Perspektiven und bieten Fortbildungen an, die eine heilsame Verbindung von Spiritualität und Psychotherapie fördern. Wir laden ein zum Austausch — mit Tiefgang, Offenheit und Mut, spirituelle Fragen als Teil der professionellen Begleitung zu begreifen.
Positionspapier des DGPPN zu
Spiritualität und Psychotherapie
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) hat 2016 ein Positionspapier herausgegeben, in dem sie klar zur Spiritualität in der Psychiatrie Stellung nimmt. Hier sind einige Aussagen zusammengefasst, das Orginal können Sie hier lesen.
Der Kulturwisssenschaftler Jürgen Straub betont: Der größte Unterschied zwischen Menschen heutzutage liegt nicht mehr darin, ob sie religiös glauben oder nicht.
Sondern darin, wie sie mit Unsicherheiten und Komplexität umgehen.
Auf der einen Seite gibt es Menschen, die bereit sind, mit offenen Fragen zu leben. Sie akzeptieren, dass das Leben nicht immer eindeutig oder kontrollierbar ist, und bleiben dabei offen gegenüber anderen.
Auf der anderen Seite stehen Menschen, die in starren Denkmustern gefangen sind. Sie wollen klare Regeln und einfache Antworten — egal ob sie dabei gläubig sind oder nicht.
Mit anderen Worten: Offenheit und inneres Mitdenken sind heute entscheidender für das Miteinander als die Frage, ob jemand an Gott glaubt.
Diese Aussage ist erstmal irritierend und erschütternd. Es geht nicht um richtig und falsch, sondern darum, ob und wie der Glaube heilsam ist, ob und wie Spiritualität hilft, mit den Unwägbarkeiten im Leben umzugehen. Es gibt keine endgültigen Antworten, aber den Mut, den eigenen Weg zu gehen.
Religiosität und Spiritualität in der Psychotherapie – eine differenzierte Betrachtung
In der Vergangenheit wurde Religiosität und Spiritualität häufig kritisch gesehen – teils sogar als krankhaft eingestuft. Diese pauschale Sichtweise ist heute nicht mehr zeitgemäß. Dennoch sollte man spirituelle Themen nicht einfach idealisieren oder unkritisch in therapeutische Konzepte integrieren. Stattdessen braucht es eine fachlich fundierte und reflektierte Auseinandersetzung.
Die Psychiatrie und Psychotherapie können hier wertvolle Beiträge leisten – etwa bei der Entwicklung von Kriterien für einen achtsamen und gesunden Umgang mit spirituellen Aspekten.
Grundannahmen im therapeutischen Umgang mit Spiritualität
1. Spiritualität gehört zum Menschsein
Forscher wie Luckmann sowie Meindl & Bucher betonen: Religiosität und Spiritualität sind universelle menschliche Phänomene. Sie sind Teil einer ganzheitlichen Betrachtung der Person – unabhängig davon, ob sie sich positiv oder negativ auf die Gesundheit oder Therapieverläufe auswirken (vgl. Koenig).
2. Spirituelle Aspekte prägen Identität
Religiöse und spirituelle Überzeugungen sind oft eng mit dem Selbstbild verbunden – sowohl bei Patient:innen als auch bei Therapeut:innen. Diese Prägung zeigt sich besonders in Lebenskrisen, bei Schwellenerfahrungen, aber auch in Momenten der Sinnhaftigkeit oder spiritueller Leere (Schnell).
3. Spiritualität als Sinnsystem und Kulturfaktor
Spirituelle Orientierung kann ein zentrales Sinnsystem darstellen und kulturelle Werte beeinflussen. Für die Psychotherapie bedeutet das: Spirituelle und religiöse Perspektiven sollen respektvoll wahrgenommen und gewürdigt werden (Utsch et al.).
4. Berufsethische Verantwortung
Psychotherapeut:innen und Psychiater:innen sind verpflichtet, ihren Patient:innen mit Respekt zu begegnen – unabhängig von persönlichen Merkmalen wie Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung. Dazu gehört auch ein sensibler und professioneller Umgang mit spirituellen Themen.