Ungezähmte Bibel: Frische Blicke auf vertraute Texte – jenseits von Klischees und Schubladen Kleine Entdeckungen, die Ursprung, Tiefe und überraschende Perspektiven sichtbar machen.

Die letzten Worte Jesu – ein Spiegel für uns

Die Evangelien erzählen nicht, was Jesus am Kreuz wirklich gesagt hat – sondern was die Menschen zu hören brauchten.

Was, wenn das genau der Punkt ist?

Aber erstmal von Anfang an:

Jesus Christus, glauben wir, ist der Sohn Gottes. Er ist Mensch geworden. Er heilte, verkündete Gottes Reich, gab Menschen Würde, ermutigte zum Neuanfang, sprach gegen Vorurteile und für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung, für die Liebe und zeigte, dass sie das Wichtigste ist. Er richtete Menschen auf und schenkte Hoffnung. Er ist zum Vorbild geworden und forderte zur Nachfolge auf – und er wurde nicht für seine guten Taten belohnt, sondern wurde im Alter von Anfang 30 grausam von der römischen Justiz verurteilt und hingerichtet. Und dieser Tod am Kreuz ist ein geschichtlicher Fakt, der auch von antiken Geschichtsschreibern wie Tacitus, Josephus oder Lukian erwähnt wird.

Seit Jahrhunderten ringen Christinnen und Christen damit: WARUM?

Warum musste der Sohn Gottes sterben? Warum musste er so gedemütigt und hingerichtet werden?

Und in mir kriechen meine alten Interpretationen hoch, die ich immer wieder gehört habe, die ich furchtbar finde, einengend, kleinmachend: Er ist gestorben wegen dir. Für dich. Er ist für deine Sünden gestorben.

Jedes Mal, wenn diese Gedanken wieder hochkommen oder ich sie höre, stellen sich bei mir alle Nackenhaare auf und mir wird übel: Wer will das denn? Wer braucht das? Dass ein Gott sein Kind opfert für meine Sünden? Ein Gott, der es braucht, dass Blut vergossen wird, damit dieser Gott mich oder die Menschen wieder lieben kann?
Nein danke. Von so einem Denken fühle ich mich eingesperrt, klein gemacht. Nein danke, das ist nicht mein Gott.

Also begann ich zu suchen – nicht nach Antworten, sondern nach einem Gefühl.

Wie hat Jesus es selbst empfunden? Was ging in ihm vor, als er dort hing, am Kreuz, am Ende seines Lebens, vor seinem Tod?

Und plötzlich wurde mir klar:

Ich bin nicht die Erste, die diese Frage stellt.

Die ersten Jüngerinnen und Jünger standen unter diesem Kreuz – verwirrt, zerrissen, fassungslos – und jede*r von ihnen hat versucht, das Unfassbare irgendwie zu begreifen.

Und jedes der Evangelien gibt eine Antwort auf diesen Schmerz der Nachfolger*innen.

Die niedergeschriebenen letzten Worte Jesu sind nicht die absolute Wahrheit. Vielleicht hat er sie gesagt, vielleicht auch nicht.

Das ist nicht der Punkt. Diese Worte am Kreuz sind vor allem die Antwort darauf, was wir brauchen. Was die Evangelisten geschrieben haben, sollte uns eine Hilfe sein, zu verstehen.

Ich möchte dich einladen, mich auf dieser Reise zu begleiten, unter dem Motto: Was wäre, wenn die Worte am Kreuz für uns, für unser Verständnis gewesen wären?

Im Evangelium nach Markus und Matthäus erleben wir einen Jesus, der kämpft, der verspottet wird und zu Gott schreit: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus fühlt sich allein, verlassen, er ist ein Mensch in größter Not, ein Mensch, der kämpft und doch verzweifelt. Jesus stirbt mit einem Schrei.
Jesus stirbt wie ein Mensch, wie die Menschen es damals kennen. Ringend. Kämpfend. Vielleicht kennst du das auch – bei Menschen, die sterben, wo es keine Worte gibt, oder sogar innerlich, wenn man selber keine Worte hatte für den Schmerz und die Not.
Später haben die Menschen versucht, daraus etwas Großes zu machen (Jesus, der Sieger, unser Held (Irenäus), 2. Jahrh.).

Nach dem Tod Jesu passiert laut Matthäus und Markus Magisches und Mystisches: Es kommt zum Erdbeben und der Vorhang des Tempels zum Allerheiligsten reißt entzwei. Im Evangelium nach Matthäus steigen sogar Tote aus den Gräbern und wandeln umher.
Der Hauptmann erkennt: „Dies war wahrhaft der Sohn Gottes.“

Was bedeutet das – für die Menschen damals – für uns? Gottes Sohn ist so absolut Mensch, er stirbt wie ein Mensch. Nach dem Tod kommt die Offenbarung.

Für die Suchenden ist das eine Antwort, die Trost und Hoffnung schenkt: Gott kennt auch dein Leid. Jesus Christus war einer von uns, zutiefst Mensch – und der Tod hat nicht das letzte Wort.

Das ist eine Lesart.

Eine andere Lesart findet sich in den Paulusbriefen: Jesus ist gehorsam bis zum Tod, um Gottes Ordnung wiederherzustellen. Gott ist gerecht. Adam und Eva haben die Sünde in die Welt gebracht, Jesus erlöst die Menschen wieder von der Sünde. Jesus stellt die Verbindung zwischen Gott und Menschen wieder her. Nicht, dass Gott das braucht, denn Gott ist immer da. Sondern die Menschen können wieder zu Gott finden. Und im Hebräerbrief, einige Jahrzehnte später, heißt es: Jesus ist ein für allemal den Opfertod gestorben, damit alles rein ist.

Das klingt theoretisch. Aber für mich war es wichtig. Denn: Hier klingt es an: Jesus erlöst alle Menschen. Aber es geht nicht um meine Schuld. Es geht um Befreiung. Ein für allemal. Befreit. Bei dieser Lesart kann ich atmen. Ich wäre nicht klein, sondern bekäme Mut, mein Leben anzupacken.

Weiter geht’s – was wären Antworten für dich gewesen – welche hättest du gebraucht – unterm Kreuz? Wenn du eine Jüngerin Jesu gewesen wärst und mit den anderen Frauen unterm Kreuz gestanden hättest? Wären deine Fragen hier schon beantwortet worden, oder sehnst du dich nach mehr, sagst dir: Das genügt mir nicht?

Vielleicht sagst du: Jesus starb, weil er konsequent für Wahrheit, Gerechtigkeit, Vergebung und Humanität eintrat – und die Menschen das nicht aushalten konnten. Jesus ist unser Vorbild, unser Herr, Retter und Erlöser.

Dann käme deine Antwort vom Kreuz durch den Evangelisten Lukas. Hier geschieht Vergebung noch am Kreuz. Er lässt Jesus sagen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Von den zwei Verbrechern, die neben ihm hängen (von denen auch Markus und Matthäus erzählen), bereut einer seine Sünden und Jesus gibt ihm Mut: „Noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Noch im Tod, im Sterben, heilt Jesus.

Mir macht das auch Mut – als ob, egal wie schwer die Dinge sind, es doch immer noch eine Änderung, ein Neuanfang möglich ist. Auch in den letzten Minuten des Lebens.

Wenn Sie jetzt glauben, das war alles: Nein.

Der Evangelist Johannes gibt noch eine andere Interpretation: Jesus gibt bewusst sein Leben, es ist Vollendung, nicht Scheitern. Jesus spricht: „Es ist vollbracht.“ Keine Verlassenheit, keine Angst, keine Klage. Noch in seiner Todesstunde schafft er Familie: Johannes und Maria werden zu Sohn und Mutter erklärt.

Die Antwort des Evangelisten Johannes an die Menschen ist: Jesus geht weiter, weiter als das übliche System. Jesus zeigt Zukunft, auch auf der Welt. Gott und Jesus gehen nicht nur durch alles Leid. Es ist der Ausdruck der Verbundenheit mit allen Wesen, der Tod ist ein Durchgang zu einem größeren Ganzen.

Jede dieser Deutungen der Evangelisten und auch die von Paulus öffnet Türen:

Wenn du dich verlassen fühlst, dann ist der Schrei, das Menschliche bei Markus und Matthäus vielleicht dein Trost.

Wenn du Schuld spürst, einen Neuanfang suchst und verzweifelt bist, weil du dich nicht liebenswert erlebst: Dann ist die Vergebung, das Paradiesversprechen vielleicht dein Weg.

Wenn du Sinn suchst, dann ist vielleicht die Aussage von Johannes: Es ist vollbracht – dein Licht.

Wenn du dich fragst, ob es nach dem Tod weitergeht? Dann sagt Paulus klar: Jesus ist der Erste, der uns vorangegangen ist – und wie kommst du überhaupt darauf, dass der Tod das Ende ist? Nein, du darfst auch danach weitergehen …

Die Frage ist also nicht: Welche Deutung ist richtig? Ein Streit über die wahre Lehre ist nicht die Lösung. Sondern: Welche Deutung gibt dir Atem? Welche Geschichte berührt dich heute?

Vielleicht ist das Kreuz kein Rätsel, das wir lösen müssen.

Vielleicht ist es ein Spiegel –

Was siehst du, wenn du hinschaust?

Einen durch und durch menschlichen, einsamen Jesus?
Einen Jesus, der alles Leid kennt und mit unserem Leid auch geht?
Einen Jesus, der bis zuletzt vergibt, pure Liebe und Barmherzigkeit ist?
Einen Jesus, der alles zusammenfügt, wo alles Sinn ergibt?
Einen Jesus, der uns vorausgeht – Hoffnung gibt?

Für mich ist nicht das Wichtigste, dass ich verstehe, dass es richtig ist, sondern dass ich eingeladen bin, zu atmen und zu leben. Dass die Antworten immer auch etwas anders sein können, denn ich bin auf meinem Weg.