Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht in dich eindringt.
Rumi (1207–1273)
Loslassen oder dranbleiben?
„Stell Dich nicht so an!“ Das habe ich früher so oft gehört. Ich sollte den Schmerz wegtun über was auch immer, eine erfahrene Ungerechtigkeit, oder etwas, das ich als mir schadend erlebte
„FÜHLE NICHT!“ hieß das eigentlich, und es hieß auch: es ist peinlich, wenn Du auf Deine Gefühle hörst, Du bist es nicht wert, ernstgenommen zu werden.
Fühlen befreit
Es hat mich sehr viel Kraft gekostet und kostet es manchmal immer noch, mich von den Folgen dieses alten Satzes zu befreien und mich ernst zu nehmen in den alltäglichen Gefühlen. Mir zu erlauben, Unrecht zu benennen und Verantwortung einzufordern.
Meine Gefühle sind wichtig!
Dass ich „nebenbei“ in der Tiefe meiner Seele doch wertvoll war, das war mir zum Glück aus den Jesusgeschichten meiner Kindheit entgegengekommen und hat zumindest im spirituellen Bereich keinen Schaden hinterlassen.
Lass den Schmerz los?
Wenn ich heute Leid oder Unrecht fühle, wütend oder traurig bin, etwas nicht einfach hinnehmen will und etwas tun möchte, dann höre ich häufig Sätze wie:
„Du musst das loslassen!“ oder „Hafte doch nicht daran an!“ „Belaste Dich doch nicht mit diesen unguten Energien! Verwickele Dich nicht! Du bist doch spirituell unterwegs!“ „Stehst DU da nicht längst drüber?“
‚Lass doch einfach los‘ hört sich buddhistisch – weise an.
So bin ich versucht, ein schlechtes Gewissen zu kriegen, wenn ich dem Unrecht nachgehe, oder richtig traurig und angefasst bin von der Trockenheit hier und den Waldbränden in Südeuropa. Sorge ich nicht gut für mich? Ich soll mich doch mit guten Gedanken umgeben! …
Durch die Hintertür ist es wieder da, das unausgesprochene Gebot „FÜHLE NICHT!“ Es tarnt sich gerade spirituell und die Wirkung ist noch schlimmer, denn „Lass doch los“ vermittelt nicht nur, dass Gefühle wie Trauer oder Schmerz mir schaden könnten, oder unreif seien, sondern dass auch mein Engagement überflüssig und für mich schädlich sei.
Dabei ist es doch zutiefst menschlich und eine wunderbare verbindende Kraft, sich anrühren zu lassen, anderen beizustehen, gemeinsam zu trauern.
„Lass es doch los!“ vereinzelt und macht unsolidarisch.
Als ob ein Unrecht es nicht wert wäre, benannt zu werden, als ob das Leid der Opfer nicht gefühlt werden dürfte! „Lass es doch los!“ meint dann doch: „Spür nicht, hör nicht genau zu, schau nicht genau hin, es schadet Dir.“
Und indirekt ist es damit Täterschutz!!
Wutkraft der Liebe
Zu fühlen schadet mir eben nicht! Das sagt man so, aber es stimmt nicht.
Ja, natürlich bin ich mehr als meine unguten Gefühle! Aber wenn ich die verdränge, werde ich flach und einsam.
In vielen indigenen Traditionen sind Trauer und Schmerz ein innerer heiliger Raum, der von der Gemeinschaft geschützt, getragen und gehütet wird, solange bis sich darin die Verwandlungskraft zeigt. Neues kann geboren werden.
Jesus gingen Schmerz und Leid der Menschen zu Herzen, sie haben ihn zum Handeln und Heilen bewegt.
Wir zerbrechen nicht an den Zumutungen der Welt
Und so will ich verletzlich bleiben! Ich will die Wut- und Trotzkraft fühlen, die dem Leben innewohnt und ungeahnte Möglichkeiten der Veränderung und Heilung schafft, immer wieder.
Sie vergemeinschaftet.
Sie lässt fühlen, dass wir Menschen zusammengehören und alle gleich wertvoll sind.
Ich will aus der wilden Kraft des Lebens kämpfen gegen Unrecht, wo es mir begegnet.
Jeder Schmerz ist es wert gesehen zu werden.
Jeder Mensch ist es wert, gesehen zu werden.
Ich lasse den spirituell erscheinenden Satz: ‚Lass doch einfach los!‘ jetzt einfach los und bleibe – spirituell geerdet – Mensch.
Es sind die Augen der Liebe, die dranbleiben.


