Jesus spricht: „Denn ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt.“ (Matthäusevangelium, 19, 34)


Meine Gedanken zum Pride Month

Was bedeutet heute noch der Pride Month – warum ist dieser Monat Juni noch wichtig?

Er lädt mich zu der grundsätzichen Überlegungen ein:

Warum bekommt oder braucht eine Facette des menschlichen Lebens soviel Aufmerksamkeit?

Seit 40 Jahren lebe ich, Esther, mehr oder minder offen lesbisch.

Das war früher nicht leicht, wo Vorurteile und Abwehr überwogen. Heute freue ich mich, dass es viel einfacher und selbstverständlicher ist, „queer“ zu sein – eine Bezeichnung, die es in meinen Anfängen als lesbische Frau noch gar nicht gab.

Und doch wird mein ganz normaler Lebensstil immer noch oder wieder öffentlich diskutiert. Das ermüdet und erschöpft mich. Z.B. höre ich immer noch, Queer-Sein sei eine Entscheidung.
Nein, ist es nicht. Die einzige Entscheidung, die ich immer wieder treffen muss, war und ist:  wie offen gehe ich damit um, wieweit zeige ich mich nach außen?

🌈 Ein öffentliches Zeichen der Demokratie

Was ich früher nie gedacht hätte: Wie wir über queere Menschen sprechen, sagt auch etwas über den Zustand unserer Demokratie. Es hat mich tief berührt, als vor ein paar Tagen der 82‑jährige österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen gemeinsam mit seiner Frau Doris Schmidauer allen einen Happy Pride Month wünschte (Instagram‑Link) und betonte, dass queere Rechte Menschenrechte sind.

In diesem Moment wurde mir klar: Queer‑sein ist kein Randthema, sondern die Frage von Lebensgestaltung. Es ist auche ein Gradmesser für Freiheit geworden, ebenso wie Frauen- oder Kinderrechte.

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Hasskomentare und Kritiken an alternativen Lebensformen besonders in totalitären oder sehr konservativen Kreisen überhand nehmen..

Manchmal scheint es, als würde Queerness etwas berühren, das Menschen Angst macht.

Und ja — viele der lautesten Stimmen gegen Queerness kommen von Männern.

In einer Welt, in der Männlichkeit mit Dominanz und Herrschaft verwechselt wird, können viele Männer vielleicht nicht ertragen, dass schwule Männer andere Männer begehren – dass ihr traditionelles Geschlechterbild ins Wanken gerät. Vielleicht aus Angst, selbst so behandelt zu werden, wie sie selbst Frauen sonst sehen und behandeln.

Aber ganz ehrlich:Diese Erklärung reicht mir nicht.

Denn der Schmerz, die Abwehr, die Härte, die manche zeigen, geht tiefer. Auch queere Menschen haben manchmal solch eine Abwehr gegen den eigenen Lebenstil.

Ja, auch wir kämpfen manchmal mit homophoben Anteilen. Nach dem Coming -out wird man nicht automatisch zu einem lockeren Regenbogen-queeren positiven Menschen.

Und genau das lässt mich fragen: Was berührt Queerness in uns — und warum fühlt es sich zutiefst falsch und fremd an?

📖 Jesus und das Fremde: Einladung zur Heilung

In den Werken der Barmherzigkeit (Matthäus 25) heißt es: „Ich war fremd und ihr habt mich beherbergt.“ Diese Worte stehen in einer Szene, in der Jesus das Weltgericht beschreibt, wonach er die Menschen am Ende richtet. Und das Überraschende ist: Nicht Moral, nicht Bibelwissen, nicht Frömmigkeitsstil sind für das Urteil entscheidend – sondern das konkrete Handeln: Der Umgang mit den anderen Menschen.

Er nennt mehrere Beispiele des guten Handelns, und eines davon lautet: Fremde beherbergen.

Am Ende fasst Jesus alles zusammen: „Was ihr einem der Geringsten meiner Brüder (und Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan.“

Das heißt: Wenn mir selbst etwas oder jemand fremd ist, lädt Jesus ein, es oder ihn/sie nicht abzuwehren, sondern aufzunehmen. Queere Menschen mögen fremd sein – und genau dort beginnt die Einladung Jesu: Fremde nicht zu fürchten, sondern zu beherbergen.

Unser Ausbilder für Meditation und geistliche Begleitung, Franz Xaver Jans-Scheidegger weitete diesen Gedanken: Nicht nur das Fremde außerhalb, sondern auch das Fremde in uns selbst sollen wir anschauen und beherbergen. Vielleicht auch den inneren Impuls, der bei Queer‑Sein sofort ruft: „Das geht doch nicht!“ – und der mehr über uns selber erzählt als über die anderen.

🧡 Wenn Freiheit weh tut

Genau an diesem Punkt hat es bei mir selbst mal „klick“ gemacht. Denn je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir: Die Abwehr, die viele Menschen gegenüber Queerness empfinden, hat oft erstaunlich wenig mit queeren Menschen zu tun – und sehr viel mit der eigenen Geschichte.

Dagmar z.B. erzählt, dass ihr wichtigstes Coming-out nicht das Queer-sein war, sondern das Ja zu ihrer Lebendigkeit.

Sie ist als Kriegsenkelin groß geworden, zu Hause wurde kaum mal gelacht oder gefeiert, die Eltern waren von der Wildheit des kleinen Kindes, von ihrer Lebendigkeit und Lebensfreude überfordert. Ausgelassenheit durfte nicht sein, sie war peinlich und zeugte laut ihren Eltern nur davon, dass sie ihr Kind nicht gut erzogen hätten. Dagmar fiel es noch als Erwachsene manchmal schwer, diese einfach bei anderen auszuhalten und zuzulassen, weil es sich irgendwie falsch anfühlte – obwohl sie jedem Menschen diese Lebendigkeit grundsätzlich gönnte und wünschte.

Psychologisch ist das ein bekanntes Muster: Wer als Kind eingeschränkt wurde, trägt diese Einschränkung weiter — und sehnt sich gleichzeitig nach genau dem, was verboten war.

Beim Queer‑sein ist es oft ähnlich. Wenn man gelernt hat, dass es nur ein einziges „richtiges“ Lebensmodell (richtiger Mann mit guter Frau) gibt, dann kann die Freiheit anderer wie ein Störgeräusch wirken. Ein Reflex: „Das darf nicht sein.“

Und ja — das betrifft auch uns selbst. Auch wir, die queer sind, tragen nicht heilsame Sätze in uns. Auch wir kämpfen manchmal mit homophoben Anteilen, auch uns fällt es schwer, nach den ersten JA zu sich selber dies immer wieder und neu zu tun. Immer wieder aufstehen und weitergzugehen.

✨ Pride als innere Bewegung

Vielleicht ist das die eigentliche Einladung des Pride Month: bunter, lauter, lebendiger sein zu dürfen – und ehrlicher.

Weite beginnt dort, wo wir das Fremde in uns nicht länger wegschieben. Pride erinnert uns daran, dass Offenheit, Leben und Liebe nicht nur dort sind, wo alles vertraut ist, sondern gerade auch dort, wo wir bereit sind, uns dem Ungewohnten oder der eigenn Sehnsucht zu öffnen (so sie heilsam ist).

Deswegen ist der Pride Month für mich auch heute noch wichtig.

Happy Pride Month!