Zwischen mir und den anderen

Es gibt diese zwei Stimmen in uns – ja, nicht nur in uns, sondern auch in der Gesellschaft.
Die eine flüstert: „Sorg für dich selbst. Geh in die Sauna. Atme wieder durch. Sei für einen Moment nur du – ohne Erwartungen, ohne Rollen, ohne dieses ständige Gefühl, funktionieren zu müssen. Wenn du dich selber liebst, ist das andere egal. Sei frei, befrei dich von allem, was dich bindet.“
Die andere ruft: „Du wirst gebraucht. Sei für andere da. Engagiere dich. Mach noch dieses Ehrenamt. Sei nicht egoistisch, sondern gib deinem Leben Sinn.“

Beide Stimmen haben recht. Und beide sind in ihrer Einseitigkeit unmenschlich.

Martin Buber, Religionsphilosoph und Mystiker, hat es in einem Satz gefasst, der bis heute nachwirkt: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“
Nicht: erst das Ich, dann das Du. Und auch nicht: erst das Du, dann das Ich. Sondern: beides entsteht zusammen, im Gespräch oder in der Begegnung.

Was also in uns verloren geht, wenn wir uns isolieren, ist nicht nur die Verbindung zu anderen – es ist auch ein Stück unserer eigenen Lebendigkeit. Und was verloren geht, wenn wir nur Pflicht und Aufopferung haben, ist nicht nur unsere eigene Kraft und Sehnsucht – es ist auch unsere Fähigkeit zur echten Begegnung.

Der Leitfaden im Alltag kann Spiritualität sein. Religionen haben genau hier ihre Aufgabe: einerseits ethisch und sozial tätig zu sein, das Miteinander zu gestalten – und zugleich den inneren Grund zu nähren, auf das Transzendente (Gott, das Göttliche) hin auszurichten, und das göttliche Geheimnis zu integrieren. Beides gehört zusammen. Eine Spiritualität, die nur nach innen führt und die Welt vergisst, wird hohl. Eine Ethik, die nur nach außen drängt und den inneren Grund vernachlässigt, brennt aus.

Wir warten meist zu lange – und lassen uns hin- und herreißen zwischen Selbstfürsorge und Verpflichtungen. Innehalten ist hier keine Notfallmaßnahme, sondern eine Lebenshaltung.
Einige indigene Traditionen Nordamerikas kennen die Kiva – einen runden, in die Erde eingelassenen Raum, der als Ort der Sammlung, der Klärung und der spirituellen Erneuerung dient. Man steigt hinab in die Tiefe, in der Mutter Erde Schoß, in die Dunkelheit, in die Stille. Die Kiva war kein Ort der Weltflucht. Die indigenen Völker kannten den Alltag mit seinen Härten, seinen Ungerechtigkeiten, seiner Schönheit und seiner Last. Der Abstieg in die Tiefe galt der Sammlung von Kraft. Dann kehrt man nach einer Zeit der Sammlung, der Meditation, des Rückzuges über eine Leiter wieder zum Licht, damit man wieder aufrecht in der Welt stehen kann.  (nach: Steven Charleston: Ladder to the Light. An Indigenous Elder’s Meditations on Hope and Courage, 2019)

Was die Kiva für die indigenen Traditionen bedeutet, findet in der christlichen Tradition eine Entsprechung im Bild des Kreuzes:
Im Längsbalken verbinden wir Himmel und Erde – wir sind ausgerichtet auf den Grund unseres Lebens, auf das, was uns trägt. Im Querbalken verbinden wir uns mit anderen, mit der Außenwelt, mit dem, was uns braucht.

Und in der Mitte beider Balken: das Herz.
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31) – das ist keine Wahl zwischen zwei Optionen. Es ist auch nicht: erst das eine, dann das andere. Es bedeutet die Integration beider Pole.

Ich brauche die anderen, um mich selbst zu erkennen. Und sie brauchen mich.
Ich brauche die Stille, um mich immer wieder selbst zu finden und wachsen zu können.