Sterben in Würde – Ja!
Sterben ist ein Teil des Lebens. Ich erzähle diese Geschichte, weil sie mich tief berührt hat – und weil ich sie erzählen darf. Ich habe gefragt – und ein freudiges, überraschtes Ja bekommen. Sie ist heilig für mich.
Ihr Weg
Vier Jahre zuvor kam sie zu mir in die Therapie. Frau G, Anfang 60, erschöpft, verletzt, depressiv. Sie kam auch zu mir mit dem Wunsch, in der Therapie auch ihre christliche Spiritualität mit zu berücksichtigen, das war ihr wichtig, es gehört zu ihrem Leben. Sie kam, weil sie immer weniger belastbar war, war in einer Reha wegen Burn-out. Und dort ist ihr das Wissen um das Erleben von sexualisierter Gewalt hochgekommen. Das wollte sie lösen, klären. Heil werden, damit sie wieder für andere da sein konnte, damit sie wieder am Leben teilnehmen konnte. Das ging gerade nicht, verzweifelt war sie, es war so mühsam. Ein Leben voller Erstarrungen: ein Elternhaus, das sie klein machte, eine Mutter, die ihr immer wieder sagte, ihre Mimik, ihre Gestik, ihr Verhalten – das seien Sargnägel. Und – sexualisierte Gewalt. Die Folgen? Sie hatte sich klein gemacht, wenn andere laut wurden. Sie wusste dann oft nicht mehr, was sie wollte. Sie erstarrte, wenn ein Mann an der Haustür stand. Mühsam hat sie sich von ihren Eltern distanziert; es fiel ihr so schwer, wie es ihr gut tat. Sie lebte mit dem Unverständnis der Herkunftsfamilie – und hörte auf, sich von den Geschwistern unter Druck setzen zu lassen. Ihr eigenes Leben wurde ihr wichtiger. Sie sagte einmal: Gott habe sie nicht geschaffen, um zu leiden, sondern um in Freiheit zu leben. „Vater und Mutter ehren“ – das hieße für sie nicht, alles hinzunehmen. Die Distanzierung war fast unmöglich, aber für ihr Wohlergehen, für ihre Lebendigkeit unabdingbar. Ihre eigene Familie hatte sie aufgebaut: ihre Kinder, die sie liebt, ihren Mann, mit dem sie eng verbunden ist. Dort war sie zu Hause. Dort konnte sie wachsen. Und ihren Kindern das Wachsen ermöglichen. Mit ihrem Humor, mit ihrer Liebe. Und immer war bei ihr ein Funken, ein Licht, das sie selbst oft nicht sehen konnte. Sie hatte Freude am Leben, immer wieder, sang, genoss die Eiscreme, spielte gerne und und und … Ihr Glaube war ein leiser, aber tragender Grund. Oft im Hintergrund – und da. Jahrelang war sie diesem Ruf gefolgt, auch wenn sie das göttliche Geheimnis manchmal nicht spürte. In der Therapie hörte sie auf, von sich zu verlangen, dass ihr Glaube immer stark, zweifellos, enthusiastisch sein müsse. Sie musste nicht glänzen. Nicht leisten. Das, was sie glaubte, war genug. Sie selbst war genug.
Diagnose und Entwicklung.
Im Laufe der Therapie klärte sich noch eine andere Diagnose: eine schwere, nicht heilbare, fortschreitende Erkrankung. Der Alltag wurde enger, die Kräfte weniger. Am Ende konnten wir uns nur noch per Video sehen. Diese Diagnose brachte in ihr eine Erkenntnis: Ich bin nicht die, die „nicht richtig verarbeitet“. Ich bin nicht schuld an meiner Misere. Ich habe eine Geschichte – aber sie ist nicht die Ursache meiner Müdigkeit. Die Müdigkeit, die Erschöpfung, die körperliche Einschränkung zeigen nicht, dass ich unvollkommen oder falsch bin. Sie zeigen, dass ich krank bin. Und als dieser Gedanke ankam, fiel die Depression von ihr ab. Jetzt konnte sie in die Zukunft schauen. Sie konnte sich besser spüren. Sie fragte sich: Was kann ich jetzt, mit meinen Grenzen, mit meinen Einschränkungen, tun? Was will ich noch tun? Sie fuhr ein letztes Mal in ihr Lieblingsland. Sie schaffte Klarheit auf der Arbeit, obwohl es ihr sehr schwerfiel, weil sie ihren Beruf und ihre Stelle liebte. Sie ging in den Ruhestand. Sie begrüßte ihr Enkelkind als neuen Erdenbürger und genoss das Zusammensein mit ihren Kindern. Sie lebte – mit ihren Grenzen und Einschränkungen; ich würde sagen: mehr als zuvor.
Eine irritierende Möglichkeit.
Und dann, eines Tages, sagte sie: „Ich möchte mit Ihnen über Sterbefasten sprechen.“ Ich war irritiert. „Wieso?“ „Weil ich wissen möchte, was Sie davon halten.“ Ich erklärte ihr, was ich erklären muss: Dass jede*r das Recht hat, über das eigene Lebensende zu bestimmen.¹ Dass Suizid und Suizidversuch nicht strafbar sind. Dass auch die Begleitung eines freiverantworteten Suizids nicht strafbar ist.² Dass meine Aufgabe ist zu prüfen, ob eine Entscheidung frei ist oder Ausdruck einer psychischen Erkrankung.³ Dann müsste ich eingreifen. Und dass ich das grundsätzlich auch so sehe. Sie nickte. Und sagte dann: „Ich selbst will Sterbefasten. Ich habe es lange in meinem Inneren bewegt. Ich möchte nicht mehr leben. Es ist genug. Ich möchte nach Hause. Ich sehne mich, dorthin zu kommen, wo ich herkomme. Meine Arbeit ist hier getan. Und ich möchte wissen, was Sie dazu sagen; Ihre Meinung ist mir wichtig.“ Ich war ehrlich: „Das Thema ist schwierig. Ich finde aber, dass jeder Mensch ein Selbstbestimmungsrecht hat. Sterbefasten ist grundsätzlich möglich. Aber ich werde Sie in der akuten Phase nicht begleiten können – das ist für mich momentan in meiner therapeutischen Rolle eine Überforderung. Aber erzählen Sie.“ Sie erzählte. Von der Müdigkeit. Von den körperlichen Einschränkungen. Von ihrer inneren Klarheit. Von der Gewissheit, dass ihre Zeit hier zu Ende geht. Von ihrem Glauben, der sie trägt. Vielleicht war sie ein wenig wie der Phönix, der spürt, dass sein Zyklus zu Ende geht, sich sein letztes Nest bereitet und sich hineinlegt – wissend, dass es sich entzünden wird. Wissend, dass dieses Sterben ein Übergang ist: dass mit dem Tod dieser Zyklus endet, so vollkommen oder unvollkommen er war, und aus der Asche sein anderes, sein neues Leben entsteht. „Haben Sie jemanden, der Sie unterstützt?“ Sie habe mit ihrem Mann gesprochen. Mit ihren Kindern. Mit ihren Schwiegerkindern. Und sie unterstützen sie. Alle. Das hat sie sehr berührt. Für ihre Kinder und für sie wurde es zu einem Weg wie der des Phönix. Der war auf ihrer Urne. Der war auf ihrem Totenbrief.

Ja zu sich selbst.
Ich klärte ab und dokumentierte, dass keine psychische Erkrankung vorlag, die ihre freie Entscheidung beeinträchtigte. Sie und ihr Mann bestätigten schriftlich, dass es ihr freier Wille ist. Wir arbeiteten weiter, bis sie Ostern mit dem Sterbefasten begann: erst das Essen langsam einstellen, dann immer weniger zu trinken. In professioneller Begleitung. Sie erzählte, wie ehrlich und unerschrocken sie als Familie damit umgingen. Wie ihre Tochter fragte: „Willst du uns noch etwas sagen?“ Und sie in sich lauschte, und jedem noch etwas mitgab, das wie ein leiser Segen war. Da mussten alle weinen. Bis das Enkelkind ein zerknülltes Papier warf, das in ihrer Tasse landete – und plötzlich alle lachen mussten. „So ist es gerade“, sagte sie. „Weinen und Lachen liegen eng beieinander. Und es ist, als ob wir alle getragen sind.“ Sie sagte: „Alles ist vorbereitet.“ Die Beerdigung, alles Juristische, die Karten, alles. Sie wollte nicht, dass zu Beginn ihres Beerdigungszuges ein Kreuz getragen würde – sie wollte die Auferstehungskerze. Gekämpft hatte sie; wütend war sie teilweise immer noch über das, was sie umgab. Die Rentenversicherung, die immer noch ein Gutachten wollte, obwohl sie bettlägerig war. Die Krankenkasse, die nicht verstanden hatte, wie schwer sie krank war und immer wieder dieselben Fragen stellte. Wut auf einen alten Bekannten, einen Pfarrer, der den Kontakt abbrach, weil er ihren Weg nicht mittragen konnte. „Warum trifft mich das so?“, fragte sie, ärgerlich über sich selbst, „Ich müsste doch längst darüber stehen, jetzt, wo ich weiß, dass meine Zeit hier zu Ende ist.“ Als wäre es ein Versagen, dass es noch schmerzte. Ich entgegnete: „Nicht alle Wunden können hier geheilt werden. Wir gehen vor Gott – auch verwundet. Und das dürfen wir. Wir müssen nicht perfekt sein, auch am Ende des Lebens nicht.“ Sie atmete tief durch und sagte nur: „Danke.“
Abschied.
In unserer letzten Stunde bedankte sie sich nochmal für die Therapie: Sie habe gelernt, zu sich zu stehen – und dadurch auch Ja zum Sterbefasten sagen zu können. Ich musste schlucken – ein merkwürdiges Kompliment. Und dann spürte ich die Tiefe darin.
Da ihr auch in der Therapie immer wieder die christliche Spiritualität wichtig war, fragte ich, ob ich ihr ein Gedicht vorlesen dürfe. Sie sagte Ja und wollte es nach dem Hören zugesandt bekommen: Sterben von Giannina Wedde. Ich fragte, ob sie das aramäische VaterMutterUnser hören wolle – ihre Augen leuchteten. Und ich fragte sie, ob sie einen Segen wollte. Sie sagte nur: „Gerne.“ In diesem ihren letzten Weg lag mehr Leben als noch fünf Jahre zuvor. Es war ihr Weg. Dieser Weg war nicht leicht, aber ihre Entscheidung. Und die Grundlage des Weges war nicht Angst, sondern ein Ja zu sich selbst, Liebe, Klarheit und Würde. Und sie wurde begleitet – von ihrer Familie, vom ambulanten Hospiz, von Freundinnen. Und vom göttlichen Geheimnis, das für sie selbstverständlich war, als Boden und als Sehnsucht. Sie wollte nach Hause. Ein paar Tage später schickte sie mir ein Foto mit ihrem Enkel. Gemeinsam lagen sie im Bett und blickten sich an. Titel: Letztes Bild. Ich antwortete nur: „Danke. Gesegnet.“




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