Es gibt diese zwei Stimmen in uns, ja nicht nur ins uns, sondern auch in der Gesellschaft.
Die eine flüstert: „Sorg für dich selbst. Geh in die Sauna. Schalte ab. Sei unabhängig von Lob, Kritik oder Zuneigung. Wenn Du dich selber liebst, ist das andere egal. Sei frei.“
Die andere ruft: „Sei für andere da. Engagiere dich. Mach neben deiner Arbeit ein Ehrenamt. Sei nicht egoistisch, sondern gib deinem Leben Sinn durch Verbindung und Beitrag.“
Beide Stimmen haben recht. Und beide sind in ihrer Einseitigkeit unmenschlich.
Die drei Sinnebenen des Lebens
Drei Ebenen halten uns im Gleichgewicht in usnerem Leben:
Der höhere Sinn
Hier beantwortet sich für mich die Frage nach dem Sinn des Lebens: Spirituelle Erfüllung, Heilung, ein gutes Leben verwirklichen. Die Frage: „Wofür stehe ich?“
Die Umsetzung
Wie lebe ich diesen Sinn? Als Nonne, Elternteil, Bäcker, Sozialarbeiter*in – hier gehe ich meinen inneren Sehnsucht oer meinen Ruf nach. Diese Ebene ist immer im Wandel. In der Rente ist es ein anderer Sinn als in der Schule.
Das sinnliche Erleben
Die Abendröte genießen, meditieren, mit allen Sinnen präsent sein, Gemeinschaft erleben. Die Frage: „Was brauche ich jetzt?“
Wenn ich eine Ebene hinterfragen muss, kann ich die Antwort nicht auf einer anderen Ebene finden.
Wenn eine dieser Ebenen ins Wanken gerät, lässt sie sich nicht durch eine andere ersetzen. Wenn die Kinder ausziehen, und der 2. Sinn leer wird, kann nicht durch mehr Saunabesuche diese Sinnebene füllen, auch wenn er für einen Moment Entlastung bringt. Wer seinen höheren Sinn verloren hat, findet ihn nicht durch zusätzliche Aufgaben im Ehrenamt. Und wer sich selbst nicht mehr spürt erschöpft ist und nur noch im hamsterrad rödelt, wird durch eine neue Ausbildung nicht lebendiger.
Diese Einsicht ist unbequem, aber sie ist notwendig, um nicht in gut gemeinte, aber wirkungslose Strategien zu flüchten.
Einige indigene Traditionen Nordamerikas kennen die KIVA, einen runden, in die Erde eingelassenen Raum, der als Ort der Sammlung, der Klärung und der spirituellen Erneuerung dient. Man steigt hinab in die Tiefe, in des Mutter Erdens Schoß, in die Dunkelheit, in die Stille und kehrt nach einer Zeit der Sammlung, Meditation, des Rückzuges über eine Leiter wieder ans Licht zurück. (nach: Ladder to the Light: An Indigenous Elder’s Meditations on Hope and Courage)
Dieses Bild ist eine Einladung auch an uns, wenn wir erschüttert sind, wenn das Leben uns überfordert, wenn wir keine Antwort wissen sich selber zurückzuziehen, zu meditieren, wieder bei sich selber anzukommen. Um dann wieder in die Welt gehen zu können.
Die Bewegung des Kreuzes beeschreibt dies: Wir, in usnerer Mitte verbinden Himmel und Erde (Im Längstbalken des Kereuzes) und wir verbinden uns mit anderen, mit der außenwelt. im Querbalken des Kreuzes.
⚖️ Die Synthese: Integration beider Seiten
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31) – das ist keine Wahl zwischen zwei Optionen, es ist auch nicht: Erst das eine, dann das andere. Es bedeutet eine Integration beider Pole.
Du kannst nicht wirklich für andere sorgen, wenn du dich selbst vernachlässigst.
Du kannst nicht wirklich bei dir ankommen, wenn du dich von aller Verbindungen und Verantwortlichkeiten abschottest.
Du brauchst auf deinen Weg nicht alleine zu gehen.
Du musst nicht perfekt sein, um anzufangen – du darfst dir auch jetzt Zeit nehmen – für dich selber – und für andere.
Es gibt diese zwei Stimmen in uns – ja, nicht nur in uns, sondern auch in der Gesellschaft.
Die eine flüstert: „Sorg für dich selbst. Geh in die Sauna. Atme wieder durch. Sei für einen Moment nur du – ohne Erwartungen, ohne Rollen, ohne dieses ständige Gefühl, funktionieren zu müssen. Wenn du dich selber liebst, ist das andere egal. Sei frei, befrei dich von allem, was dich bindet.“
Die andere ruft: „Du wirst gebraucht. Sei für andere da. Engagiere dich. Mach noch dieses Ehrenamt. Sei nicht egoistisch, sondern gib deinem Leben Sinn.“
Beide Stimmen haben recht. Und beide sind in ihrer Einseitigkeit unmenschlich.
Martin Buber, Religionsphilosoph und Mystiker, hat es in einem Satz gefasst, der bis heute nachwirkt: „Der Mensch wird am Du zum Ich.“
Nicht: erst das Ich, dann das Du. Und auch nicht: erst das Du, dann das Ich. Sondern: beides entsteht zusammen, im Gespräch oder in der Begegnung.
Was also in uns verloren geht, wenn wir uns isolieren, ist nicht nur die Verbindung zu anderen – es ist auch ein Stück unserer eigenen Lebendigkeit. Und was verloren geht, wenn wir nur Pflicht und Aufopferung haben, ist nicht nur unsere eigene Kraft und Sehnsucht – es ist auch unsere Fähigkeit zur echten Begegnung.
Der Leitfaden im Alltag kann Spiritualität sein. Religionen haben genau hier ihre Aufgabe: einerseits ethisch und sozial tätig zu sein, das Miteinander zu gestalten – und zugleich den inneren Grund zu nähren, auf das Transzendente (Gott, das Göttliche) hin auszurichten, und das göttliche Geheimnis zu integrieren. Beides gehört zusammen. Eine Spiritualität, die nur nach innen führt und die Welt vergisst, wird hohl. Eine Ethik, die nur nach außen drängt und den inneren Grund vernachlässigt, brennt aus.
Wir warten meist zu lange – und lassen uns hin- und herreißen zwischen Selbstfürsorge und Verpflichtungen. Innehalten ist hier keine Notfallmaßnahme, sondern eine Lebenshaltung.
Einige indigene Traditionen Nordamerikas kennen die Kiva – einen runden, in die Erde eingelassenen Raum, der als Ort der Sammlung, der Klärung und der spirituellen Erneuerung dient. Man steigt hinab in die Tiefe, in der Mutter Erde Schoß, in die Dunkelheit, in die Stille. Die Kiva war kein Ort der Weltflucht. Die indigenen Völker kannten den Alltag mit seinen Härten, seinen Ungerechtigkeiten, seiner Schönheit und seiner Last. Der Abstieg in die Tiefe galt der Sammlung von Kraft. Dann kehrt man nach einer Zeit der Sammlung, der Meditation, des Rückzuges über eine Leiter wieder zum Licht, damit man wieder aufrecht in der Welt stehen kann. (nach: Steven Charleston: Ladder to the Light. An Indigenous Elder’s Meditations on Hope and Courage, 2019)
Was die Kiva für die indigenen Traditionen bedeutet, findet in der christlichen Tradition eine Entsprechung im Bild des Kreuzes:
Im Längsbalken verbinden wir Himmel und Erde – wir sind ausgerichtet auf den Grund unseres Lebens, auf das, was uns trägt. Im Querbalken verbinden wir uns mit anderen, mit der Außenwelt, mit dem, was uns braucht.
Und in der Mitte beider Balken: das Herz.
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31) – das ist keine Wahl zwischen zwei Optionen. Es ist auch nicht: erst das eine, dann das andere. Es bedeutet die Integration beider Pole.
Ich brauche die anderen, um mich selbst zu erkennen. Und sie brauchen mich.
Ich brauche die Stille, um mich immer wieder selbst zu finden und wachsen zu können.
https://gottimalltag.de/wp-content/uploads/2026/05/Kiva-Ladder.jpg13492000Esther Sühlinghttps://gottimalltag.de/wp-content/uploads/2025/05/Logo-mit-SchriftMajuskelklein-300x133.pngEsther Sühling2026-05-26 19:01:102026-05-26 19:46:58Zwischen mir und den anderen
Sterben ist ein Teil des Lebens. Ich erzähle diese Geschichte, weil sie mich tief berührt hat – und weil ich sie erzählen darf. Ich habe gefragt – und ein freudiges, überraschtes Ja bekommen. Sie ist heilig für mich.
Ihr Weg
Vier Jahre zuvor kam sie zu mir in die Therapie. Frau G, Anfang 60, erschöpft, verletzt, depressiv. Sie kam auch zu mir mit dem Wunsch, in der Therapie auch ihre christliche Spiritualität mit zu berücksichtigen, das war ihr wichtig, es gehört zu ihrem Leben. Sie kam, weil sie immer weniger belastbar war, war in einer Reha wegen Burn-out. Und dort ist ihr das Wissen um das Erleben von sexualisierter Gewalt hochgekommen. Das wollte sie lösen, klären. Heil werden, damit sie wieder für andere da sein konnte, damit sie wieder am Leben teilnehmen konnte. Das ging gerade nicht, verzweifelt war sie, es war so mühsam. Ein Leben voller Erstarrungen: ein Elternhaus, das sie klein machte, eine Mutter, die ihr immer wieder sagte, ihre Mimik, ihre Gestik, ihr Verhalten – das seien Sargnägel. Und – sexualisierte Gewalt. Die Folgen? Sie hatte sich klein gemacht, wenn andere laut wurden. Sie wusste dann oft nicht mehr, was sie wollte. Sie erstarrte, wenn ein Mann an der Haustür stand. Mühsam hat sie sich von ihren Eltern distanziert; es fiel ihr so schwer, wie es ihr gut tat. Sie lebte mit dem Unverständnis der Herkunftsfamilie – und hörte auf, sich von den Geschwistern unter Druck setzen zu lassen. Ihr eigenes Leben wurde ihr wichtiger. Sie sagte einmal: Gott habe sie nicht geschaffen, um zu leiden, sondern um in Freiheit zu leben. „Vater und Mutter ehren“ – das hieße für sie nicht, alles hinzunehmen. Die Distanzierung war fast unmöglich, aber für ihr Wohlergehen, für ihre Lebendigkeit unabdingbar. Ihre eigene Familie hatte sie aufgebaut: ihre Kinder, die sie liebt, ihren Mann, mit dem sie eng verbunden ist. Dort war sie zu Hause. Dort konnte sie wachsen. Und ihren Kindern das Wachsen ermöglichen. Mit ihrem Humor, mit ihrer Liebe. Und immer war bei ihr ein Funken, ein Licht, das sie selbst oft nicht sehen konnte. Sie hatte Freude am Leben, immer wieder, sang, genoss die Eiscreme, spielte gerne und und und … Ihr Glaube war ein leiser, aber tragender Grund. Oft im Hintergrund – und da. Jahrelang war sie diesem Ruf gefolgt, auch wenn sie das göttliche Geheimnis manchmal nicht spürte. In der Therapie hörte sie auf, von sich zu verlangen, dass ihr Glaube immer stark, zweifellos, enthusiastisch sein müsse. Sie musste nicht glänzen. Nicht leisten. Das, was sie glaubte, war genug. Sie selbst war genug.
Diagnose und Entwicklung.
Im Laufe der Therapie klärte sich noch eine andere Diagnose: eine schwere, nicht heilbare, fortschreitende Erkrankung. Der Alltag wurde enger, die Kräfte weniger. Am Ende konnten wir uns nur noch per Video sehen. Diese Diagnose brachte in ihr eine Erkenntnis: Ich bin nicht die, die „nicht richtig verarbeitet“. Ich bin nicht schuld an meiner Misere. Ich habe eine Geschichte – aber sie ist nicht die Ursache meiner Müdigkeit. Die Müdigkeit, die Erschöpfung, die körperliche Einschränkung zeigen nicht, dass ich unvollkommen oder falsch bin. Sie zeigen, dass ich krank bin. Und als dieser Gedanke ankam, fiel die Depression von ihr ab. Jetzt konnte sie in die Zukunft schauen. Sie konnte sich besser spüren. Sie fragte sich: Was kann ich jetzt, mit meinen Grenzen, mit meinen Einschränkungen, tun? Was will ich noch tun? Sie fuhr ein letztes Mal in ihr Lieblingsland. Sie schaffte Klarheit auf der Arbeit, obwohl es ihr sehr schwerfiel, weil sie ihren Beruf und ihre Stelle liebte. Sie ging in den Ruhestand. Sie begrüßte ihr Enkelkind als neuen Erdenbürger und genoss das Zusammensein mit ihren Kindern. Sie lebte – mit ihren Grenzen und Einschränkungen; ich würde sagen: mehr als zuvor.
Eine irritierende Möglichkeit.
Und dann, eines Tages, sagte sie: „Ich möchte mit Ihnen über Sterbefasten sprechen.“ Ich war irritiert. „Wieso?“ „Weil ich wissen möchte, was Sie davon halten.“ Ich erklärte ihr, was ich erklären muss: Dass jede*r das Recht hat, über das eigene Lebensende zu bestimmen.¹ Dass Suizid und Suizidversuch nicht strafbar sind. Dass auch die Begleitung eines freiverantworteten Suizids nicht strafbar ist.² Dass meine Aufgabe ist zu prüfen, ob eine Entscheidung frei ist oder Ausdruck einer psychischen Erkrankung.³ Dann müsste ich eingreifen. Und dass ich das grundsätzlich auch so sehe. Sie nickte. Und sagte dann: „Ich selbst will Sterbefasten. Ich habe es lange in meinem Inneren bewegt. Ich möchte nicht mehr leben. Es ist genug. Ich möchte nach Hause. Ich sehne mich, dorthin zu kommen, wo ich herkomme. Meine Arbeit ist hier getan. Und ich möchte wissen, was Sie dazu sagen; Ihre Meinung ist mir wichtig.“ Ich war ehrlich: „Das Thema ist schwierig. Ich finde aber, dass jeder Mensch ein Selbstbestimmungsrecht hat. Sterbefasten ist grundsätzlich möglich. Aber ich werde Sie in der akuten Phase nicht begleiten können – das ist für mich momentan in meiner therapeutischen Rolle eine Überforderung. Aber erzählen Sie.“ Sie erzählte. Von der Müdigkeit. Von den körperlichen Einschränkungen. Von ihrer inneren Klarheit. Von der Gewissheit, dass ihre Zeit hier zu Ende geht. Von ihrem Glauben, der sie trägt. Vielleicht war sie ein wenig wie der Phönix, der spürt, dass sein Zyklus zu Ende geht, sich sein letztes Nest bereitet und sich hineinlegt – wissend, dass es sich entzünden wird. Wissend, dass dieses Sterben ein Übergang ist: dass mit dem Tod dieser Zyklus endet, so vollkommen oder unvollkommen er war, und aus der Asche sein anderes, sein neues Leben entsteht. „Haben Sie jemanden, der Sie unterstützt?“ Sie habe mit ihrem Mann gesprochen. Mit ihren Kindern. Mit ihren Schwiegerkindern. Und sie unterstützen sie. Alle. Das hat sie sehr berührt. Für ihre Kinder und für sie wurde es zu einem Weg wie der des Phönix. Der war auf ihrer Urne. Der war auf ihrem Totenbrief.
Ja zu sich selbst.
Ich klärte ab und dokumentierte, dass keine psychische Erkrankung vorlag, die ihre freie Entscheidung beeinträchtigte. Sie und ihr Mann bestätigten schriftlich, dass es ihr freier Wille ist. Wir arbeiteten weiter, bis sie Ostern mit dem Sterbefasten begann: erst das Essen langsam einstellen, dann immer weniger zu trinken. In professioneller Begleitung. Sie erzählte, wie ehrlich und unerschrocken sie als Familie damit umgingen. Wie ihre Tochter fragte: „Willst du uns noch etwas sagen?“ Und sie in sich lauschte, und jedem noch etwas mitgab, das wie ein leiser Segen war. Da mussten alle weinen. Bis das Enkelkind ein zerknülltes Papier warf, das in ihrer Tasse landete – und plötzlich alle lachen mussten. „So ist es gerade“, sagte sie. „Weinen und Lachen liegen eng beieinander. Und es ist, als ob wir alle getragen sind.“ Sie sagte: „Alles ist vorbereitet.“ Die Beerdigung, alles Juristische, die Karten, alles. Sie wollte nicht, dass zu Beginn ihres Beerdigungszuges ein Kreuz getragen würde – sie wollte die Auferstehungskerze. Gekämpft hatte sie; wütend war sie teilweise immer noch über das, was sie umgab. Die Rentenversicherung, die immer noch ein Gutachten wollte, obwohl sie bettlägerig war. Die Krankenkasse, die nicht verstanden hatte, wie schwer sie krank war und immer wieder dieselben Fragen stellte. Wut auf einen alten Bekannten, einen Pfarrer, der den Kontakt abbrach, weil er ihren Weg nicht mittragen konnte. „Warum trifft mich das so?“, fragte sie, ärgerlich über sich selbst, „Ich müsste doch längst darüber stehen, jetzt, wo ich weiß, dass meine Zeit hier zu Ende ist.“ Als wäre es ein Versagen, dass es noch schmerzte. Ich entgegnete: „Nicht alle Wunden können hier geheilt werden. Wir gehen vor Gott – auch verwundet. Und das dürfen wir. Wir müssen nicht perfekt sein, auch am Ende des Lebens nicht.“ Sie atmete tief durch und sagte nur: „Danke.“
Abschied.
In unserer letzten Stunde bedankte sie sich nochmal für die Therapie: Sie habe gelernt, zu sich zu stehen – und dadurch auch Ja zum Sterbefasten sagen zu können. Ich musste schlucken – ein merkwürdiges Kompliment. Und dann spürte ich die Tiefe darin.
Da ihr auch in der Therapie immer wieder die christliche Spiritualität wichtig war, fragte ich, ob ich ihr ein Gedicht vorlesen dürfe. Sie sagte Ja und wollte es nach dem Hören zugesandt bekommen: Sterben von Giannina Wedde. Ich fragte, ob sie das aramäische VaterMutterUnser hören wolle – ihre Augen leuchteten. Und ich fragte sie, ob sie einen Segen wollte. Sie sagte nur: „Gerne.“ In diesem ihren letzten Weg lag mehr Leben als noch fünf Jahre zuvor. Es war ihr Weg. Dieser Weg war nicht leicht, aber ihre Entscheidung. Und die Grundlage des Weges war nicht Angst, sondern ein Ja zu sich selbst, Liebe, Klarheit und Würde. Und sie wurde begleitet – von ihrer Familie, vom ambulanten Hospiz, von Freundinnen. Und vom göttlichen Geheimnis, das für sie selbstverständlich war, als Boden und als Sehnsucht. Sie wollte nach Hause. Ein paar Tage später schickte sie mir ein Foto mit ihrem Enkel. Gemeinsam lagen sie im Bett und blickten sich an. Titel: Letztes Bild. Ich antwortete nur: „Danke. Gesegnet.“
Dieses Gedicht lässt eine Sehnsucht aufscheinen, die über das Erwartbare hinausgeht.
Es öffnet einen Raum, in dem Sterben nicht nur Ende ist, sondern ein Weg, der sich löst und heimwärts führt.
Für mich fügt dieses Gedicht den beiden anderen Texten eine weitere Perspektive hinzu – der Geschichte von Frau G. und dem Blick auf das Sterben Jesu.
Eine Perspektive, die eine andere Sehnsucht ausdrückt und mir eine Hoffnung ist.
Sterben
Entlass mich, Gott, entlass mich aus der Zeit.
Es ist schon spät geworden.
Mein Herz ist schwer, so schwer von Müdigkeit.
Sei du mir wie der helle Stern im Norden
und leuchte mir den Weg aus dieser Welt.
Entlass mich Gott, entlass mich aus dem Glück,
davon ich reichlich schmeckte.
Ich will nach Haus, nur noch nach Haus zurück.
Will lassen, was ich trieb und was mich schreckte
und was mich noch auf dieser Erde hält.
Entlass mich Gott, entlass mich auch aus mir.
Mein Lied ist ausgeklungen.
Mein ganzes Sein sehnt sich nur noch nach dir.
zum letzten Mal hab ich mit dir gerungen,
du dunkler Schoß, in dem mein Werden fällt.