Loslassen oder dranbleiben?
Manchmal klingt „Lass doch los“ wie ein spiritueller Rat – leicht, weise, befreiend.
Doch oft versteckt sich darin das alte „Fühl nicht!“
Das Schweigenmachen.
Das Kleinmachen.

In meinem Text geht es darum, warum echtes Fühlen nicht schwächt, sondern verbindet.
Warum Trauer, Wut und Schmerz heilige Räume sein können.
Und weshalb „Loslassen“ manchmal eher trennt als heilt – besonders dann, wenn es Leid unsichtbar macht und Unrecht unbenannt lässt.

Manchmal verschiebt sich das Leben so plötzlich, dass eine vertraute Ebene wegbricht – ein Abschied, ein Verlust, ein Übergang.
Dann tauchen Fragen auf, die sich nicht wegschieben lassen: Was ist der Sinn? Wofür lebe ich jetzt weiter? Und genau dort beginnt die Suche, die ich nicht einfach lösen kann.

Im Juni spüre ich oft, wie sehr Freiheit ein empfindliches Gut bleibt. Der Pride Month erinnert daran, dass Menschen immer wieder um das Recht ringen müssen, einfach sie selbst zu sein — ohne Angst, ohne Rechtfertigung, ohne Abwehr. Und er stellt eine alte Frage neu in den Raum: Warum berührt uns das Fremde manchmal so stark, und warum fällt es uns schwer, es nicht abzuwehren, sondern zu beherbergen?

Um im Gleichgewicht zwischen den anderen und uns bleiben zu können braucht es auch den rückzug, wie in einer Kiva – immer wieder, um uns über unseren Weg wieder klar zu werden. Die Synthese: Integration beider Seiten
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Markus 12,31) – das ist keine Wahl zwischen zwei Optionen, es ist auch nicht: Erst das eine, dann das andere. Es bedeutet eine Integration beider Pole.